Johann Bossard: Muttertag

Dezember: Johann Bossard: Muttertag, 1942, Öl- und Temperamischtechnik auf Leinwand, 167 x 109 cm, Kunststätte Bossard, Inv.-Nr. JB 3894

Bis zu seiner Pensionierung 1944 unterrichtete Johann Michael Bossard Bildhauerei an der Hansischen Hochschule für bildende Künste, der heutigen Hochschule für bildende Künste am Lerchenfeld. 1942 schuf er für eine Ausstellung zum deutschen Brauchtum ein Gemälde zum Thema ‚Muttertag‘. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um die Ausstellung „Versuche zur Gestaltung des Feierguts“ im Jahr 1943, für welche die Teilnahme der Mitarbeiter der Kunstschule wohl verpflichtend war.

Der Muttertag hatte sich seit 1914 von den Vereinigten Staaten aus allmählich in der westlichen Welt etabliert. Die Nationalsozialisten betrieben eine ideologische Vereinnahmung des Tags zu Ehren der Mutterschaft und erklärten ihn 1933 zum öffentlichen Feiertag.

Das Gemälde Muttertag zeigt eine blonde Frau mit fünf blonden Kinderakten, von denen die drei älteren der Hauptfigur Rosengirlanden darbringen. Das Kleinste ruht auf dem Schoß der Mutter, die es schützend mit dem rechten Arm umfängt. Schon die thematische Vorgabe bedingt die Zeichnung eines reaktionären Frauenbildes im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie, der der im NS Staat an die Frau herangetragene Rollenzuschreibung als Ehefrau, Hausfrau, Mutter und „Hüterin der Art“ entspricht. Dieses Frauenbild lässt sich tendenziell mit den Frauendarstellungen in Bossards Werk vereinbaren. Die idealisierten Frauengestalten des Künstlers treten meist in Verbindung mit Symbolen für Fruchtbarkeit sowie Mutterschaft auf und spiegeln als Gegensatzpaar zum Mann konzipiert die Vorstellung einer klaren Rollenverteilung der Geschlechter nach vermeintlichen ´natürlichen Geschlechtseigenschaften`.

Im Gegensatz zu den meisten regimekonformen Gemälden zum Thema ‚Familie‘, die das Motiv in der Gegenwart ansiedelten und seit 1937 jährlich im Haus der Deutschen Kunst zu sehen waren, stellt Bossard eine überzeitliche Szene dar. Spielzeug, mit dem die Kinder bereits ihre späteren Rollen als Hausfrau und Mutter bzw. als Bauer und Soldat einüben würden, fehlt bei Bossard.

Der Malstil ist gemäßigt expressionistisch. Eine überraschende Wahl für eine Ausstellungsbeteiligung im Jahr 1942. Die Stimmen der NS Funktionäre, die anfänglich einen Nordischen Expressionismus als Deutsche Kunst postulierten, waren spätestens 1937 verstummt als mit der Aktion Entartete Kunst unter Anweisung Adolf Hitlers die öffentliche Verfemung der gesamten Moderne seit dem Impressionismus eingesetzt hatte.

Es ist anhand der Quellenlage nicht nachvollziehbar, ob Muttertag letztendlich überhaupt ausgestellt worden ist. Das Gemälde ist erstmals zusehen in der aktuellen Sonderausstellung „Über dem Abgrund des Nichts“ Die Bossards in der Zeit des Nationalsozialismus.

 

Foto: Backens, Hamburg