Jutta Bossard: Weibliches Idealbildnis, um 1930/1935, JB 2222

In einem Gutachten der Hansischen Hochschule der Künste in Hamburg (so hieß die Hamburger Kunstgewerbeschule zur Zeit des Nationalsozialismus), welches Jutta Bossard 1938 rückwirkend 15 Semester Bildhauer- und Keramikstudium bescheinigte, lobte der ehemalige Lehrer der Fachklasse für Bildhauerei und Ehemann Johann Bossard die „phantasievollen Arbeiten der Kleinplastik“.Der Keramiklehrer Max Wünsche urteilte über die Künstlerin: “Ihre Arbeiten haben immer erfreut und zeugen von Begabung und Können.“

 

Mit Jutta Bossard hatte sich der Künstler 1926 also eine äußerst qualifizierte Mitarbeiterin in die Lüneburger Heide geholt. Dort unterstützte die Bildhauerin und Keramikerin die Entwicklung der Kunststätte zum Gesamtkunstwerk. Dafür stellte sie neben textilen Arbeiten, wie Decken, Teppichen, Kissenbezügen und Holzschnitzereien, auch diverse keramische Arbeiten her. 

 

Bei einigen Keramiken orientierte sich Jutta Bossard an bereits fertigen Werken ihres Ehemannes, z.B. bei zwei Kerzenleuchtern, die durch ihre ungewöhnliche Verbindung von gegenständlicher Form und praktischer Funktion an Johann Bossards  Leuchter in Form eines weiblichen Aktes und an seinen Kopf in Form einer Schale erinnern. Hier übernahm sie allerdings lediglich die Idee, die sie dann zu eigenständigen Lösungen brachte. Zudem ließ sie sich von den damals jeweils vorherrschenden Tendenzen in der Kunstgewerbeschule inspirieren. So schlugen sich die Form- und Glasurexperimente der expressiven 1920er Jahre auch in einigen ihrer Arbeiten nieder.

 

Wahrscheinlich Anfang bis Mitte der 1930er Jahre schuf Jutta Bossard eine Keramik, die als Weibliches Idealbildnis bezeichnet wird. Dargestellt ist der Kopf einer jungen Frau mit zarten, schmalen Gesichtszügen, die leicht nach oben blickt. Umspielt wird dieser von einer angedeuteten, für die 1920er und 1930er Jahren typischen, Kurzhaarfrisur. Die Haare des Hinterkopfes gehen nahtlos in eine Sichelform über, die bis unter das Kinn reicht. Die Glasur, leicht ockerfarben und glänzend, ist lediglich an einigen Stellen mit dunkleren Sprenkeln durchsetzt.

 

In den Mythologien vieler Kulturen wird der Mond bzw. die Mondgöttin, hier als Mondsichel ausgeformt, als weibliches Gegenstück zum männlichen Sonnengott gesehen. Die Kombination von Frauenkopf und Mondsichel kann bei Jutta Bossard in diesem Zusammenhang verstanden werden.

 

Darstellungen gegensätzlicher Prinzipien, wie „männlich und weiblich“, „hell und dunkel“, „geistig und materiell“ usw. begegnen dem Besucher vielerorts an der Kunststätte und stehen für Bossards dualistisches Weltbild. Jutta Bossards Keramik ordnet sich zwar der Ideenwelt ihres Ehemanns unter, ohne dabei jedoch den eigenen künstlerischen Ausdruck einzubüßen.  Barbara Djassemi