Jutta Bossard: Weiblicher Akt mit angewinkelten Armen

Jutta Bossard: Weiblicher Akt mit angewinkelten Armen

um 1937–1942, Mackoré-Holz, Inv.-Nr. 0005, 0006, 0004, 2213

Durch die Aktion „Entartete Kunst“, welche ab 1937 von den Nationalsozialisten durchgeführt wurde, war es vielen Künstler unmöglich, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Sämtliche Stilrichtungen der Moderne seit dem Impressionismus wie der Dadaismus, die Neue Sachlichkeit oder der Expressionismus wurden verfemt. Trotz der Verfolgung von Künstlern, die diese Stilrichtungen praktizierten, widmeten sich Johann und Jutta Bossard weiterhin dem Expressionismus.

In der Zeit zwischen 1937 bis 1942 entstanden so vier Holzfiguren von Jutta Bossard. Sie schuf diese Skulpturen frei nach Gipsvorlagen ihres Mannes, deren Entstehungszeit unklar ist. Bei drei der vier Figuren kann man noch gut die Spuren des Hohleisens erkennen, was sie in starken Kontrast zu den Schnitzereien von Jutta Bossard im Eddasaal stellt. Diese haben eine glatte Oberfläche. Es ist nicht überliefert, ob die Figuren unfertig sind oder ob Jutta Bossard bewusst die Oberfläche so strukturiert ließ. Festzuhalten ist, dass Johann Bossard großer Bewunderer des Künstlers Auguste Rodin war. Dieser stand für den Begriff Non-finito („unvollendet“), welcher nicht fertiggestellte Skulpturen sowie unbearbeitete Partien von Skulpturen beschreibt. Rodin entschied sich bewusst für diesen Stil, da er Figuren auf das Wesentliche reduzieren wollte, auch um den Betrachter anzuregen, diese Figuren im Kopf zu vervollständigen. 1938 hatten die Bossards bei ihrer Paris-Reise das Musée Rodin besucht. Es könnte also sein, dass Jutta Bossard sich dafür entschied, die Struktur des Holzes und die Spuren des Schnitzens sichtbar zu belassen, um die ausdrucksstarke Körperhaltung und Mimik der Figuren zu unterstützen.

Die Figuren zeigen zwei Männer- und zwei Frauenakte. Ungewöhnlich hierbei ist die Darstellung des Weiblichen Aktes mit angewinkelten Armen. Man findet an der Kunststätte fast nur das Idealbild einer Frau, welche recht schlank ist. Der Weibliche Akt mit angewinkelten Armen wirkt dagegen eher untersetzt. Damit steht die Figur im starken Kontrast zur zweiten Frauenfigur aus der Gruppe, welche schlank ist und im Gegensatz zu den drei anderen Figuren eine geglättete Oberfläche hat.

Jutta Bossard schuf die Holzfiguren, als ihr Mann in Hamburg weilte. Sie wollte ihm damit eine Freude machen. Johann Bossard war allerdings besorgt um seine Frau und schrieb: „Besonders möchte ich Dir noch sagen, doch die Arbeit an dem ekelhaften, giftigen Holz während des Winters zu lassen. Wenn Du Deinen Tatendrang gar nicht bändigen kannst & mir ausserdem eine Freude machen willst, so nimm doch den Eichenteller vor, oder die Birkendose. Bei offenen Räumen im Frühling oder Sommer holst Du alles leicht & ohne Beschwer nach, was Du jetzt nur mit Mühe & Erkrankung erzielen kannst.“ Seine Sorge gründet darauf, dass der Holzstaub, der bei der Bearbeitung entsteht, gesundheitsgefährdend sein kann.

Die Skulpturen sind aktuell in der Sonderausstellung „Über dem Abgrund des Nichts“ Die Bossards in der Zeit des Nationalsozialismus zu sehen.

 

Fotos: Peter Backens, Hamburg