Johann Bossard: Apollon und Orpheus, Persephone und Eurydike

1910–1911, polierte Goldbronze, Marmor, H. 82 cm, Inv.-Nr. JB 2177 und 2178

1911 schuf Bossard die Bronzen Apollon und Orpheus (Helios und Orpheus) sowie Persephone und Eurydikefür das so genannte „Kulturcasino“ in Bern. Sie waren ein Geschenk des Bundesrats und der Kantonsregierung für das neu erbaute Gesellschafts- und Konzerthaus der Bundesstadt der Schweiz. Den Auftrag erhielt Bossard nach einem Wettbewerb, in dem er sich gegen vier weitere Konkurrenten durchgesetzt hatte. Die Figuren sind auf ihren Aufstellungsort, die Treppenpostamente der so genannten Marmorgalerie, abgestimmt: Mit ihren weich fließenden, überlängten Formen setzen sie die Aufwärtsbewegung von Treppe und Postament fort und fügen sich in den klassizistisch gestalteten Raum ein.

Bossard fertigte im Rahmen des Wettbewerbs zunächst kleine Gipsmodelle der Figuren an. Nach der Auftragsvergabe entschloss er sich dazu, die kleinformatigen Entwürfe in Bronze gießen zu lassen, ein ungewöhnlicher Schritt, der dem Künstler für die bestmögliche Ausführung des prestigeträchtigen Auftrages notwendig schien: „Nun ist die Sache ja ein gewisses Experiment durch den Goldcharakter, den die Stücke haben sollen und um möglichst sicher zu gehen, habe ich die Skizzen abgiessen lassen, überarbeitet und lasse sie vorher im betreffenden Material ausführen. Das kostet natürlich Geld, erspart mir aber evtl. doch unangenehme und teure Überraschungen.“ (Johann Bossard an Emil Hegg, 8.11.1911)

Nicht nur die Form, auch das der antiken Mythologie entnommene Thema ist auf denAufstellungsort der Plastiken abgestimmt: Der Sänger Orpheus, der mit seiner Musik Menschen, wilde Tiere und selbst die Götter bewegte, war um die Jahrhundertwende eine der beliebtesten Figuren in der bildenden und darstellenden Kunst. Zusammen mit Apollon-Helios, der ihn überragt und schützend umfängt, verkörpert er die überirdischen Klänge, von denen sich die Besucher des Casinos verzaubern lassen sollten. Eurydike, die verstorbene Gemahlin des Orpheus, ist der Herrscherin des Totenreiches Persephone zugeordnet. Als Gegenpol zum Licht, zum Leben und zur Musik hat Bossard damit das Dunkel, den Tod und die Stille in das festliche Casino-Ambiente integriert und damit „eines der schönsten Zeugnisse des europäischen Symbolismus der Jahrhundertwende“ geschaffen (Charlotte König-von Dach, Das Casino der Stadt Bern: vom Barfüsserkloster zum Gesellschafts- und Konzerthaus, Bern 1985, S. 167).

Für den endgültigen Standort im Kulturcasino ließ Bossard die Bronzen knapp unterlebensgroß in Bronze gießen (Gießerei Bernhard Förster, Düsseldorf). Die aufwändig in Bronze gegossenen Modelle blieben in seinem Besitz und stehen heute auf einem Kaminsims in den Privaträumen des Künstlerehepaars Bossard. Ab März sind die Privaträume wieder in geführten Besichtigungen oder auch vertieften Führungen zu besichtigen. 

Fotos: Christop Irrgang, Hamburg 

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