Johann Bossard: Dreiklang (Drei ideale weibliche Köpfe)

Geschenk zur Verlobung an Jutta Krull, 1918, farbige Kunstkreide auf Papier, Inv.-Nr. JB1163, JB1164, JB1165

Johann Bossard schenkt 1926 zur Verlobung seiner zukünftigen Frau Jutta drei Blätter, auf denen jeweils ein idealer weiblicher Kopf zu sehen ist. Der sogenannte Dreiklang ist als Geschenk wie geschaffen für die 29 Jahre jüngere Verlobte, denn das künstlerische Schaffen wird das Ehepaar ein Leben lang verbinden.

Bereits 1918 bringt Bossard die drei idealen weiblichen Köpfe mit farbiger Kunstkreide auf Papier. 1917 und 1918 schafft er während seines Fronteinsatzes im Ersten Weltkrieg zahlreiche weitere Zeichnungen und Aquarelle von idealisierten Köpfen.

Das mittlere Blatt zeigt einen blonden weiblichen Kopf mit blauen Augen, der frontal dem Betrachter zugewandt ist. Die Physiognomie legt die Vermutung nahe, dass Johann Bossard in seiner Ehefrau sein weibliches Ideal gefunden haben könnte. Auf der rechten Zeichnung ist der weibliche Kopf im Halbprofil zu sehen, während der linke Kopf im Dreiviertelprofil dargestellt ist. Die beiden äußeren Frauenköpfe sind so dem Mittleren zugewandt. Sie haben im Unterschied zum zentralen Kopf rötlich-braune und schwarz-braune Haare und braune Augen. Die ovalen Gesichter der Frauen zeichnen sich durch idealisierte Gesichtszüge aus. Sie haben fein geschwungene Lippen und Augenbrauen sowie große Augen mit verträumten Blicken und einen hellen Teint. Rot-, Blau-, Gelb- und Grüntöne dominieren die Farbgebung der Zeichnungen. Braune, rote und blaue Linien umgeben die Köpfe und lassen sich nur teilweise als einzelne widerspenstige Haare erklären. Sie erzeugen die Illusion einer Art Vibration, die die Haarpracht bzw. Frauengesichter umgibt. Sie lassen sich als eine Art Heilgenschein um die Idealbilder (vor allem dem zentralen weiblichen Kopf) interpretieren, die sie als überirdische Lichtgestalten weiter erhöht. Diese Interpretation stützt auch die dreiteilige und auf die Mitte ausgerichtete Konzeption der Blätter, die auf die Tradition christlicher Flügelaltäre verweist. Bekanntlich waren diese oft als Triptychon (dreiteiliges Tafelbild) konzipiert.

In diesem Zusammenhang bietet sich ein kurzer Vergleich mit dem Licht-Triptychon, der finalen Öffnung des Bilderbuches von 1929 im Kunsttempel, an. In diesem Fall stellt Bossard Jahre später drei männliche Figuren bzw. Köpfe in einer stärker abstrahierenden Figur- und Farbauffassung dar. Die beiden Seitentafeln sind mit der Darstellung der männlichen Figuren im Seitenprofil ebenfalls auf die Mitteltafel ausgerichtet. Auf der Mitteltafel umgeben Gelbtöne noch viel eindeutiger einem Nimbus gleich frontal eine an eine Christus Darstellung erinnernde Männergestalt. Aus einer Menschenmenge am unteren Bildrand, die über alle drei Tafeln verläuft, heben sich vereinzelte Gestalten hervor und der in einer transzendenten Sphäre zu verordnenden Göttergestalt entgegen.

Die „Triptychon“-Zeichnung ist noch bis zum 25.6. in der aktuellen Sonderausstellung Kunst. Vision. Gemeinschaft. Das Künstlerpaar Johann & Jutta Bossard im Neuen Atelier zu sehen.

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