Johann und Jutta Bossard, großformatige Holzskulpturen (um 1937-42)

Johann Bossard wollte mit der Realisierung seines Gesamtkunstwerks in der Lüneburger Heide eine gesellschaftsverändernde Kulturkeimzelle schaffen. Kunst und Arbeit sollten hier zusammentreffen und durch die gemeinschaftliche Tätigkeit ein neuer Mensch begründet werden.

Bossards wichtigste Mitstreiterin hierfür war seine Ehefrau, die Bildhauerin Jutta Bossard, die die Entwicklung des Gesamtkunstwerks maßgeblich unterstützte und förderte. Aber auch andere Helfer trugen ihren Teil dazu bei – Bossards Schüler Franz Hötterges mit Schnitzarbeiten im Eddasaal, Ernst Krull, der Vater von Jutta Bossard, und die Schwester Wilma Krull im Bereich Textiles sowie sogar Bossards Schweizer Mäzen und Augenarzt Emil Hegg, der im Eddasaal an der Fußbodengestaltung mitwirken durfte.

An ihrem Verlobungstag im Juli 1926, kurz nachdem Jutta Krull ihr Studium der Bildhauerei und Keramik an der Hamburger Kunstgewerbeschule beendet hatte, gab Johann Bossard seiner zukünftigen Ehefrau die Werbeschrift zu lesen und weihte sie somit in die hohen Pläne für diesen Ort ein.

Eine erkennbare Handscheidung der gemeinschaftlichen Arbeiten für das Gesamtkunstwerk war nicht erwünscht und infolgedessen wurden diese auch nicht signiert; lediglich Einzelkunstwerke bekamen eine Kennzeichnung, wobei die Signatur Jutta Bossards der ihres Mannes sehr ähnlich war.

„Von dem gemeinsamen Ziel beseelt und erfüllt […] haben sie, ohne daß eine Absprache notwendig gewesen wäre, beide an einem Objekt gearbeitet“, schreibt Susanne Harth später in ihrer Biographie über die Künstlerin.

Zu einer dieser gemeinschaftlichen Arbeiten können auch die vier, je mehrteilig aus Makoré-Holz (Tieghemella heckelii) zusammengesetzten Skulpturen gezählt werden. Sie zeigen zwei weibliche und zwei männliche Akte. Drei Figuren sind 172 cm und eine 160 cm hoch. Von der Skizze über das Gipsmodell bis hin zur Ausführung in Holz sind sie wahrscheinlich zwischen den späten 1930er Jahren und dem Anfang der 1940er Jahre entstanden.

Während Skizze und Gipsabformungen eindeutig von Johann Bossard stammen, kann bei der Ausführung in Holz auch das Mitwirken von Jutta Bossard angenommen werden. Darauf verweist auch Gudula Mayr; sie geht sogar noch weiter und bezieht sich dabei auf einen Zeitzeugenbericht, nach dem Jutta Bossard sich selbst als Urheberin der Figuren bezeichnete.

Im Februar 1937 schreibt Bossard an Hegg: „Ein ausserordentlich strenger Winter erleichtert mir seit einiger Zeit eine etwas mühevolle Arbeit an grösseren Holzfiguren für den „Tempel“. Zwar das kräftige Ausholen mit dem Schlegel ist ein Genuss, aber der Holzstaub ist so giftig, dass es den Atmungsorganen Beschwerden macht.“

Drei der Figuren haben die typische ausdrucksstarke Körperhaltung und Gestik, die Johann Bossards Werken zu eigen ist. Sie weisen eine ungeglättete Oberfläche auf, zeigen deutlich noch die Spuren des Hohleisens und wirken unvollendet, was vor allem bei dem weiblichen Akt mit den angewinkelten Armen sehr deutlich zum Ausdruck kommt. Sein noch blockhafter Unterkörper verweist im Vergleich zu dem Gipsmodell auf ein frühes Stadium der Entstehung.

Die zweite weibliche Figur setzt sich deutlich von den anderen ab: Sie ist nicht nur zehn Zentimeter kleiner, sondern hat auch eine gänzlich geglättete Oberfläche und kann am ehesten als fertige Arbeit bezeichnet werden. Die Umwandlung des Gipsmodells in das Material Holz ist detailgenau umgesetzt. Auffällig ist hier die liebliche, sanfte Formgebung, die sich vor allem auch in der Gestaltung der zierlichen Füße zeigt und sich von Bossards allgemein „großfüßigen“ Frauenfiguren absetzt. Dies weist auf Jutta Bossards Urheberschaft hin.

 

Der Entwurfsskizze folgend, gehören zu Johann Bossards Skulpturengruppe noch zwei weitere Figuren – eine männliche und eine weibliche, bekleidet und noch größer als die vier Akte. Diese beiden sollten wohl das Bilderbuch im Tempel flankieren.

Dass Jutta Bossard im Januar 1941 an der weiblichen Figur dieses Duos gearbeitet hat, kann vermutet werden, da Johann Bossard sie in einem Brief ermahnt, sie solle „bei der Holzerei keine Kraftkunststücke“ machen und sich „während der ganz kalten Tagen lieber Beschäftigung im Hause suchen“. Auch diese Holzfigur wirkt unvollendet. Vielleicht hatte Jutta Bossard den Rat ihres Mannes befolgt und dann die Arbeit daran nicht fortgesetzt.

Ob die Erinnerung des zurückblickenden Zeitzeugen zu hundert Prozent der Wahrheit entspricht, wie der jeweilige Anteil des Künstlerpaars an dieser Gemeinschaftsarbeit nun wirklich war und warum die Holzfiguren nie im Kunsttempel aufgestellt wurden, wird vielleicht nicht mehr zufriedenstellend geklärt werden können.

                                                                                                                      Barbara Djassemi

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