Jutta und Johann Bossard: Gudruntor

1935, Bronze, Kupfer und Holzschnitzerei, Eddasaal

Häufig wird vermutet, dass Johann Bossard auf dem Gudruntor im Eddasaal Gudrun (bzw. Kriemhild), die Heldin der Nibelungensage, dargestellt hat. Das mittelalterliche Nibelungenlied (um 1200) ist die bekannteste Verschriftung der Sage und erfreute sich in der Bildenden Kunst, Musik und Literatur zu Bossards Lebzeiten im 19. Jahrhundert und darüber hinaus großer Beliebtheit. Über die Jahrhunderte existieren voneinander abweichende Fassungen der Sage. In ‚der‘ Edda, zwei altisländischen Sagensammlungen, finden sich Fassungen, die auf ältere, nur mündlich überlieferte Quellen zurückzuführen sind. Johann Bossard bezieht sich jedoch auf eine Namensvetterin aus einem mittelhochdeutschen Epos dem Kudrun-Lied (ca. 1230–1240), das zwar der Form nach stark von dem früheren Nibelungenlied beeinflusst ist und ebenfalls in der spätnordischen Heldendichtung seinen Ursprung hat, aber inhaltlich weitgehend davon unabhängig ist. Der Künstler zeigt zentrale Szenen der Geschichte der geraubten Königstochter Kudrun auf zwei getriebenen Kupfertafeln, die den Hauptteil der Türflügel einnehmen. Der obere Bereich des linken Torflügels zeigt die Entführung der rechts stehenden Kudrun durch den ihr gegenüber platzierten Normannenkönig Hartmut. Darunter kniet die unwillige Kudrun vor den Füßen von Hartmuts Mutter Gerlind und seiner Schwester Ortrun. Kudrun, die eine Hochzeit mit ihrem Entführer ablehnt, muss die niederen Arbeiten einer Magd verrichten und Wäsche im Meer waschen. Den rechten Torflügel widmet Bossard der Befreiung der entführten Prinzessin durch die Krieger, die über das Meer kommen. Am linken Rand fällt Ortrun, während der Kämpfe, vor Kudrun nieder und bittet sie, ihren Bruder Hartmut zu verschonen. Kudrun gewährt diesen Wunsch. Sie winkt zum Schlachtfeld hinüber, um die Kämpfenden zu trennen. Im Hintergrund werden die Gefangenen zu den Schiffen der siegreichen Befreier geführt. Inhaltlich lässt sich diese Darstellung auf die Themen Gefangenschaft, Befreiung und Aufbruch in eine bessere Zukunft reduzieren und fügt sich in die nordische und germanische Thematik des Eddasaals ein.

Die Kupfertafeln des Gudruntors werden von figürlich gestalteten Holzschnitzereien gerahmt, die auch Leibung und Sturz des Tores bilden. Ober und unterhalb des Portals befinden sich aus Kupfer und Holz gearbeitet rechteckige Felder, die weitere, nicht näher zu identifizierende Personen zeigen. Auffällig ist die wiederholte Gegenüberstellung von Mann und Frau, die eine weitere Thematik des Gudruntors darstellt. Sie findet sich auf den Kupfertafeln beispielsweise als Konfrontation von Hartmut und Kudrun, den figürlichen rahmenden Holzschnitzereien, den Kleinbronzen und den Holz- und Kupferreliefs der oberen und unteren Bereiche der Torflügel, die hauptsächlich weibliche und männliche Aktdarstellungen zeigen. Bei den beiden Bronzegruppen der Torflügel verbindet sich die Gegenüberstellung der Geschlechter mit dem Gegensatz von Werden und Vergehen – ein Dualismus, den Johann Bossard in seinen Bildwelten immer wieder aufgreift. In der Kleinplastik im oberen Bereich des linken Torflügels steht eine Frau mit einer Kinderschar auf einem Fischkopf, der wohl auf das Wasser, dem Ursprung allen Lebens, verweist. Sie symbolisiert folglich das Leben. Im Gegenzug steht der Mann am rechten Torflügel mit den abwärtsstrebenden Menschen für das Vergehen. Der Adlerkopf unter ihm verweist auf das Element Luft, welches sowohl für das Vergängliche als auch für das Geistige stehen kann.

Das Gudruntor entstand als Gemeinschaftsarbeit. Die zwei bereits genannten Bronzegruppen und die Kupfertreibarbeiten lassen sich Johann Bossard zuordnen. Die Technik des Metalltreibens, bei der Metallplatten mit Hammer und Punzen bearbeitet und geformt werden, eignete sich der Künstler als Autodidakt an. Von Jutta Bossard stammen die drei weiteren Bronzen, ein weiblicher und ein männlicher Akt sowie ein Menschenpaar auf dem Sturz des Tores und die Holzschnitzereien. Bei den Holzschnitzereien half wahrscheinlich auch der Bossard Schüler Franz Hötterges, der von etwa 1932 bis 1936 an der Kunststätte Bossard lebt und arbeitet.

Das Gudruntor finden Sie im Eddasaal. Das Bildprogramm des Eddasaals sowie die Frage nach der politischen Orientierung der Bossards in der NS-Zeit wird im Zentrum von zwei Sonderführungen stehen, die am Sonntag, den 10.9.2017, um 14 und 16 Uhr stattfinden. Der Eintritt ist an dem Tag frei!

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